Das Vatermal

Den Johann-Jacob-Christoph-von-Grimmelshausen-Preis des Jahres 2017 erhält Christoph Hein. In seinem Roman „Glückskind mit Vater“ (Suhrkamp Verlag 2016) spannt der 1944 geborene Autor den erzählerischen Bogen von der NS-Zeit bis in die Gegenwart. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre verliehen, gastgebende Städte sind im Wechsel Grimmelshausens Geburtsstadt Gelnhausen und Renchen, in der der deutsche Barockschriftsteller als Schultheiß tätig war und verstarb. Der diesjährige Literaturpreis wird am Donnerstag, 9. November, in Renchen verliehen.

In Christoph Heins Werk liegen die Verbrechen seines Vaters wie ein bedrohlicher Schatten auf dem Leben seines Protagonisten Konstantin Boggosch. Der Sohn eines am Kriegsende hingerichteten Fabrikbesitzers und SS-Offiziers wird in der DDR zwar gesellschaftlich ausgegrenzt, aber wie im Schelmenroman findet er als „Glückskind“ seiner Mutter immer wieder Menschen, die ihm helfen. Alle Versuche Boggoschs, sich der öffentlichen Stigmatisierung, seinem „Vatermal“, durch Flucht zu entziehen, scheitern. Die Erinnerungen bleiben.

Christoph Hein macht an einem scheinbar unspektakulären Leben die jüngere deutsche Geschichte begreifbar. Er spürt den Gründen nach, die Menschen dazu bringen können, sich jedem politischen System anzupassen. Oder aber, diese Anpassung - wie der Protagonist - zu verweigern. Die Figuren seines Romans, die Hein in all ihren Widersprüchlichkeiten fein konturiert, müssen sich entscheiden, ob sie ihrem Gewissen folgen wollen oder ihren materiellen Interessen. Hein hat nicht nur einen herausragenden Roman, sondern auch ein geschichtsträchtiges Lehrstück geschrieben. Am Beispiel eines Menschenlebens demonstriert er die Fehler und Versäumnisse der beiden deutschen Staaten, die nach dem Ende der NS-Herrschaft entstanden sind. Seine Kritik ist fundamental, weil sie unangenehme Fragen stellt und bequeme Antworten verweigert. Die Sprache des Romans ist im besten Sinn einfach. Der Ich-Erzähler Boggosch berichtet als Chronist in eigener Sache, ohne sprachliche Volten, genauso gradlinig, wie er durch sein Leben gegangen ist, aber nicht ohne emotionale Tiefe. Mit größtmöglicher Akribie werden auch scheinbar nebensächliche Details geschildert. So entsteht das facettenreiche Bild zweier gegensätzlicher Gesellschaftsformen, für die Verdrängung von Geschichte zum konstituierenden Element wurde. Der Roman von Christoph Hein wird als Schullektüre empfohlen. Der Grimmelshausen-Förderpreis 2017 geht an die 23-jährige Lyrikerin Sophie Passmann. Sie erhält die Auszeichnung für ihre 2014 erschienenen „Monologe angehender Psychopathen“. Außergewöhnlich ist nicht nur der Titel, mit dem Passmann vorgibt, sich „über ein bestimmtes Gefühl in vielen Texten lustig“ zu machen; außergewöhnlich ist ihre kleine, aber feine Textsammlung auch deshalb, weil die 14 Gedichte erst dann gelesen sein wollen, nachdem sie live zu Gehör gebracht wurden. Und das macht die Poetry Slammerin bereits seit ihrem 15. Lebensjahr so erfolgreich, dass sie 2011 die Slam-Meisterschaften in Baden-Württemberg in der Sparte U20 gewann und 2013 den Förderpreis der Internationalen Bodensee-Konferenz erhielt. Sophie Passmann steht längst nicht mehr nur in Freiburg und anderen deutschen Städten, sondern auch im Ausland auf der Bühne.

Der mit 2.500 Euro dotierte Grimmelshausen-Förderpreis wird seit 2003 von den Kommunen Renchen und Gelnhausen in Zusammenarbeit mit den Sparkassen und dem Museum für Literatur am Oberrhein Karlsruhe vergeben.


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