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Rathaus & Politik

Neujahrsempfang 2024

Die spielte diesmal (fast) keine Rolle, markierte der Neujahrsempfang doch gleichzeitig den Auftakt zum Philipp-Reis-Jahr in Gelnhausen. Zum 190. Geburtstag und dem 150. Todestag des Telefon-Erfinders wird es einige Veranstaltungen im Jahresverlauf geben. Und dass Philipp Reis eindeutig der Erfinder des Telefons ist, daran ließ der prominente Hauptredner des Abends keinen Zweifel: Der aus Gelnhausen stammende Publizist Dr. Wolfram Weimer blickte historisch fundiert und mit Humor auf das Leben von Philipp Reis, über den er 2020 ein Buch herausgebracht hat.

Nahezu 400 Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter aus allen Bereichen des städtischen Lebens sowie der „Hausherr“ Landrat Thorsten Stolz, gaben sich ein Stelldichein und genossen einen kurzweiligen und gleichzeitig informativen Abend – und die Gelegenheit, sich auszutauschen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Saaleingang begrüßten Bürgermeister Christian Litzinger und seine Frau Christiane die Gäste und Andrea Putz im Schornsteinfeger-Kostüm überreichte jedem Gast einen Glücks-Cent.

Bürgermeister Christian Litzinger ließ keinen Zweifel daran, wie wichtig ihm die Renaissance des klassischen Neujahrsempfangs in Gelnhausen war. Trotzdem setzte er auch eigene Akzente und verzichtete bewusst auf politische Rück- und Ausblicke. Vielmehr ergriff er die Gelegenheit, einen der großen Söhne der Stadt zu ehren und den Startpunkt für das Philipp-Reis-Jahr in Gelnhausen zu setzen. „Und es könnte keinen besseren Zeitpunkt im Jahr geben als genau den heutigen Abend. Am vergangenen Sonntag hätte Philipp Reis seinen 190. Geburtstag gefeiert, am kommenden Sonntag begehen wir seinen 150. Todestag“, wies der Gelnhäuser Rathauschef auf den 7. Januar (1834) und den 14. Januar (1874) hin. In aller Kürze ging er auf das Lebenswerk des Erfinders ein, denn darüber sollten die Gäste des Abends mehr vom prominenten Hauptredner erfahren. „Die Barbarossastadt ist stolz darauf, Philipp Reis als ihren Sohn bezeichnen zu dürfen.“ Zum Abschluss rezitierte der Bürgermeister ein Gedicht aus dem Jubiläumsartikel zum 100. Geburtstag von Philipp Reis vom 8. Januar 1934: „Dein Auge folgt dem engen Draht, der über Giebel, Türme führt | Durch den du lebensnah des heimgekehrten Freundes Wort gespürt. | Und deine Seele fasst das große Wunder nicht, | Das aus den blanken Kupferstreifen zu dir spricht.“

Der bekannte Publizist und Autor Dr. Wolfram Weimer skizzierte kurzweilig und humorvoll das Leben eines „Selfmade-Man der bürgerlichen Moderne“, eines Mannes, „verliebt ins Gelingen“, „einen kleinen Mann mit großem Geist“. Ein Vortrag, der seine Wirkung nicht verfehlte – wünschte sich die Zuhörerschaft an dessen Ende doch, der Redner möge noch ein wenig weitererzählen vom Leben dieses Philipp Reis. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sich einige Gäste das 2020 erschienene Buch von Dr. Wolfram Weimer „Der vergessene Erfinder“ zulegten und auch gleich signieren ließen.

Aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen bastelte Philipp Reis 1861 das erste Fernsprechgerät der Welt. Was für ein Mensch war Philipp Reis, der in Gelnhausen geboren wurde, später in Friedrichsdorf lebte und dort schon im Alter von 40 Jahren verstarb? War er ein Genie? Warum ist er ein wenig in Vergessenheit geraten? Für den aus Gelnhausen stammenden Wolfram Weimer war es eine Herzensangelegenheit, weitere Details über das Leben von Philipp Reis ans Tageslicht zu bringen und seine Persönlichkeit zu ergründen. Nicht ganz einfach, denn dafür musste der bekannte Publizist und Autor, der heute gemeinsam mit seiner Frau das Verlagshaus Weimer Media Group in Tegernsee leitet, tief in die Archive abtauchen. „Vor dem Geburts- und Elternhaus von Philipp Reis in der Langgasse habe ich freitags zuweilen mein Mofa abgestellt, um in den Jazz-Keller unseres Gymnasiums feiern zu gehen. Manchmal im Winter, wenn mein Mofa hernach nicht so leicht wieder ansprang, musste ich an ihn denken, dass er ja auch jede Menge Geduld brauchte, bis sein Telefon wirklich funktionierte“, berichtete Weimer von der ersten „Bindung“ an den Telefonerfinder. Auslöser für das Schreiben des Buches sei aber Donald Trump gewesen. Der amerikanische Präsident habe in mehreren Reden Graham Bell als den Erfinder des Telefons gefeiert als Beispiel für die Größe der USA. „Sein unangenehmer Neo-Nationalismus nach dem Motto ‚America first‘ hat in mir den Gelnhäuser Stolz wachgerufen. Denn es war nun einmal nicht Graham Bell, sondern Philipp Reis.“

Weimer charakterisierte Philipp Reis in seinem Vortrag als sympathischen Lehrer, Tüftler, glücklichen Ehemann und Vater. Als einen „Mann von vielseitiger Intelligenz“, klein gewachsen, gesellig, kinderlieb, kreativ, neugierig und experimentierfreudig, von heiterem Wesen. Obwohl er in seinem Leben allerlei Bitterkeit habe ertragen müssen, sei er immer optimistisch geblieben. „Kein Besserwisser, sondern ein Bessermacher“. In seiner Scheune erfand Philipp Reis nicht nur den Prototyp des Telefons, sondern auch einen der ersten Rollschuhe der Welt und einen Vorläufer des Fahrrads. Zudem forschte der Physiker laut Weimer an der Solarenergie und versuchte, mit einem Parabolspiegel Strom zu erzeugen. „Und er schoss das erste Selfie der Welt“, zeigte Dr. Wolfram Weimer anhand einer Fotografie auf. Diese zeigt ein Selbstbildnis des Erfinders, den Auslöser betätigte er über eine entsprechende Konstruktion mit dem Fuß. „Er hat unglaubliche Dinge in seiner Scheune entwickelt, aber die Anerkennung, die er verdient hätte, wurde ihm nie zuteil“, bedauerte Weimer. „Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt, anderen muss ich überlassen, sie weiterzuführen“, soll Philipp Reis seinem Freund und einstigen Lehrer Louis Frédéric Garnier auf dem Sterbebett entgegengehaucht haben. Er wurde nur 40 Jahre alt.

„Wo Philipp Reis man ehrt, vergisst man auch Gelnhausen nicht“: Im Sinne des letzten Satzes des von Christian Litzinger vorgetragenen Gedichtes, ermunterte Dr. Wolfram Weimer die Gelnhäuser, Philipp Reis in der Stadt noch präsenter zu machen und stärker mit ihm zu werben. „Denn: Zukunft braucht Herkunft.“

Zum Abschluss des offiziellen Teils wünschte auch Stadtverordnetenvorsteher Dr. Peter Tauber den Gästen ein gesundes, glückliches und erfolgreiches Jahr und überreichte Dr. Wolfram Weimer ein kleines Geschenk. Für musikalische Unterhaltung sorgte Maja Soberka am Klavier. Ein Großteil der Gäste genoss bei Getränken mit und ohne Alkohol ein klassisches „Come together“ im Forum und zog ein durchweg positives Fazit dieser Veranstaltung.