Grimmelshausenpreis-Verleihung 2019

Jury und Preisträgerinnen (von links): Hans Sarkowicz, Dr. Florian Balke, Dr. Beate Laudenberg, Grimmelshausen-Preisträgerin Dörte Hansen, Bürgermeister Daniel Christian Glöckner, Bernd Siefermann und Elisabeth Volck-Duffy.

Im Zeichen des Umbruchs

Ist ein zweiter Literaturpreis der „ewige zweite“ oder kann er in Form eines Förderpreises als Vorschuss auf ein noch nicht veröffentlichtes Lebenswerk gesehen werden? Und welchen Druck übt das dann auf die Preisträgerin aus? Wortgewandt und mit einer gehörigen Portion feinen Humors gewürzt beeindruckte und erheiterte Nele Pollatschek das Publikum in der Aula des Grimmelshausen-Gymnasiums, nachdem sie den Grimmelshausen-Förderpreis 2019 in Empfang genommen hatte. Der Grimmelshausen-Preis 2019 ging an Dörte Hansen, die mit einer kürzeren Rede, dafür aber mit einer längeren Lesung begeisterte. Hörenswert waren auch die Reden der Laudatoren und die musikalischen Vorträge der Schülerinnen und Schüler des GGG. An diesem Abend, der begeisterte Gäste und zufriedene Preisträgerinnen und Gastgeber hinterließ, stimmte einfach alles.

Dabei begann die Organisation für die Kultourismusabteilung der Stadt mit einem Problem – stand doch die Stadthalle wegen der umfangreichen Sanierungsarbeiten nicht zur Verfügung. GGG-Schulleiterin Tina Ruf stellte ohne Umschweife die Aula des Grimmelshausen-Gymnasiums zur Verfügung und so kam zusammen, was eigentlich auch zusammengehört. Einziger Wehrmutstropfen: das begrenzte Platzangebot war geladenen Gästen vorbehalten. Unter ihnen eine Delegation aus Renchen mit Bürgermeister Bernd Siefermann und seinen Stellvertretern Heinz Schäfer und Werner Bär an der Spitze sowie Alt-Landrat Karl Eyerkaufer, Landtagsabgeordneter Michael Reul, René Daniel in Vertretung des Vorstandschefs der Kreissparkasse Gelnhausen Horst Wanik, Literaturwissenschaftler und Autor Dr. Heiner Boehncke, der Gelnhäuser Magistrat und weitere Gäste aus Politik, Wirtschaft, öffentlichem Leben, Organisationen, Kirche. Und natürlich die Grimmelshausen-Preis-Jury mit den Bürgermeistern der beiden Grimmelshausen-Städte in beratender Funktion sowie Dr. Beate Laudenberg, (Pädagogische Hochschule Karlsruhe), Hans Sarkowicz (Hessischer Rundfunk), Dr. Florian Balke (FAZ), der auch die Laudatio auf Nele Pollatschek hielt, Elisabeth Volck-Duffy (Literaturreferentin Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst). Ihre Kollegin Christiane Pesthy aus Baden-Württemberg war verhindert, ebenso wie der Vorstand der Grimmelshausen-Gesellschaft, deren Präsident Prof. Dr. Peter Heßelmann Grüße übermitteln ließ.

Gelnhausens Bürgermeister Daniel Christian Glöckner übernahm selbst die Moderation und führte geschichtsversiert und mit Humor durch den Abend, der mit Loungemusik von Luna Würfl und Sebastian Eichenauer, Wein aus Renchen – dort, wo Grimmelshausen 1676 verstarb – und kleinen Leckereien begann. Die „Grimmels“ hatten nicht nur die musikalische Umrahmung des Abends übernommen, sie besserten auch ihre Klassenkasse mit dem Getränkeverkauf auf.  Johanna Gibbe (Klavier) und Dorothea Koch (Geige) stimmten mit einem Werk von Antonin Dvorak auf den feierlichen Abend ein. Nach der Begrüßung durch Schulleiterin Tina Ruf  und einer kurzen Rede von Ministerialdirigent Eric Seng vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, standen zunächst der 1621/22 in Gelnhausen geborene Johann Jacob Christoph von Grimmelshausen und sein berühmtes Werk „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ im Fokus: Leon Harm als Simplicius und Wolfgang „Bio-Schmidt“ Schmidt, jahrzehntelang Lehrer am GGG, als „Einsiedel“ brachten mit leidenschaftlichem Spiel die Szene „Beim Einsiedel“ auf die Bühne.

Über die Fernsehserie „Golden Girls“, über Oxford und Nele Pollatscheks Dissertation baute Laudator Dr. Florian Balke wortgewandt eine Brücke zum Erstlingswerk der Förderpreisträgerin, „Das Unglück anderer Leute“. „Diesen gekonnten und sehr ungewöhnlichen ersten Roman, der hoffentlich nicht ihr letzter bleiben wird und für den wir heute den Grimmelshausen-Förderpreis überreichen, hat sie, neben der Kopfarbeit am Schreibtisch und in den Bibliotheken sowie den mit ihrer Stelle verbundenen Lehrverpflichtungen offenbar ‚ganz nebenbei‘ geschrieben. Vermutlich, weil ernstem Tun am besten etwas Leichtes zur Seite stehen sollte“, so Dr. Balke, der seit 2006 für die Kulturredaktion der Rhein-Main-Zeitung über die Literatur in Frankfurt und der Region, zunächst als freier Autor, seit 2008 als Redakteur berichtet und seit zehn Jahren der Jury des Grimmelshausen-Preises angehört. Er bescheinigte Nele Pollatschek, die im Februar 2020 einen 240seitigen Abschiedsbrief an England unter dem Titel „Dear Oxbridge“ veröffentlicht, eine „offensichtliche Neigung zu Witz und Sarkasmus“. 

Eine Kostprobe davon bekam das Auditorium postwendend nach Balkes launiger Rede von der 31-jährigen Preisträgerin, die auf eine sehr charmante Art und nicht ganz ohne List, dem soeben in Gelnhausen erhaltenen Preis eine überragende Bedeutung beimaß. 2017 hatte sie ihren ersten Preis, den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, bekommen. „Früher habe ich wirklich niemals nichts gewonnen – und jetzt bekomme ich schon meinen zweiten Preis“, sagte sie und beleuchtete die Möglichkeit, dass der erste Preis vielleicht nur Zufall, ein Irrtum gewesen sein könnte, aber der zweite untermauere, dass die Jury des ersten Preises sich doch nicht geirrt habe. „Der Förderpreis ist eine Investition in meine Zukunft als Schriftstellerin, der Preis für ein Lebenswerk, das ich noch nicht geschrieben habe.“ Die mit diesen Mutmaßungen verbundenen Konsequenzen verbaute Pollatschek mit einem kleinen Spaziergang durch Gelnhausens Innenstadt, bei dem sie auf ein Hinweisschild des Radwegs R3 gestoßen war. „Lieblos – 4,8 Kilometer“. Und resümierte am Schluss: „Ein Lebenswerk muss immer 4,8 Kilometer von Lieblos entfernt sein.“ Der Förderpreis für ihren Debüt-Roman „Das Unglück anderer Leute“, das den Schicksalsschlag, eine Familie zu haben, mit Wortwitz und Sarkasmus verarbeitet, ist mit 2500 Euro dotiert, den die Kreissparkasse Gelnhausen stiftete. 

Momoko Köhler stimmte mit einem Musikstück aus der Nussknackersuite von Tschaikowsky am Klavier dann auf die Verleihung des Hauptpreises ein.

Das stete Nebeneinander von Gegensätzen in Grimmelshausens durch die Konflikte des Dreißigjährigen Krieges aus den Fugen geratene Welt und das daraus resultierende weltberühmte Werk, verwob Laudator Andreas Platthaus mit der von Dörte Hansen in „Mittagsstunde“ beschriebenen Lebenswirklichkeit rund um den Verlust des alten Dorflebens. „Grimmelshausens Roman fasziniert bis heute dadurch, dass am Beispiel individueller Erlebnisse in Zeiten des Umbruchs generelle Transformationen unserer Gesellschaft – trotz des Abstands von vier Jahrhunderten – sichtbar macht. Mehr müsste man als Laudator gar nicht sagen, um auszuführen, weshalb jene Schriftstellerin hier vorne heute Abend für ihren neuen Roman, den nach dem alten Grimmelshausen benannten Preis erhält“, so Platthaus, seit Februar 2016 Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben bei der FAZ. Platthaus tauchte wortgewaltig ein in Dörte Hansens ersten Roman „Altes Land“, der ebenfalls vom Umbruch dörflichen Lebens handelt, und bescheinigte ihr, auch mit „Mittagsstunde“ ein meisterhaft erzähltes Werk erschaffen zu haben, „einen ebenso wunderschön wie einfühlsam geschriebenen Roman.“ Davon legte die Preisträgerin dann selbst Zeugnis ab und es war mucksmäuschenstill im Saal, als   das Sterben eines kleinen Jungen sich tatsächlich - wie von Platthaus zuvor beschrieben – wie ein „literarischer Tinnitus“ in den Ohren der Gäste festsetzte.

Nach dem Dank des Bürgermeisters an restlos alle, die zum Gelingen dieses wunderbaren Abends beigetragen hatten, entließ ein Gesangsquartett mit Clara Aschenbach, Carmen Krimmel, Tim Metschan und Leon Harms a capella mit „Der Mond ist aufgegangen“ in die Nacht – oder besser: ins Foyer der Aula, wo Dörte Hansen und Nele Pollatschek am von der Grimmelshausen-Buchhandlung Gelnhausen vorbereiteten Büchertisch ihre Werke signierten. Und trotz reichlichen Vorrates nahmen die Stapel rasant ab und Nele Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“ war alsbald vergriffen. Bleibt die Hoffnung, dass diese beiden unkomplizierten Schriftstellerinnen nicht zum letzten Mal in Gelnhausen waren.

 

 

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