Bitte nicht füttern!

Zugegeben, mit ihren Knopfaugen, ihrem Überbiss und ihrer scheinbaren Zutraulichkeit sind sie irgendwie putzig. Aber sie können schnell zur Plage und brandgefährlich für den Hochwasserschutz werden: Der Nutria ist an der Kinzig angekommen. Der dringende Appell aus der Stadtverwaltung lautet allerdings: „Bitte nicht füttern!“. „Nutrias gelten als invasive Art. Bei bis zu fünf Würfen mit je vier bis fünf  Jungtieren pro Muttertier pro Jahr kann die Population schnell sprunghaft ansteigen“, gibt der städtische Umweltberater Jürgen Koch zu bedenken. Zudem würden durch die Futtergaben Ratten angelockt, für deren Populationskontrolle die Stadt Gelnhausen regelmäßig viel Geld ausgeben müsse.
Nutrias, die in ihrer südamerikanischen Heimat auch als Sumpfbiber bezeichnet werden,  siedeln an Gewässern. Früher war ihr Fell in Form von wärmenden Mänteln in der Oberschicht sehr beliebt. Aus Pelztierfarmen ausgebrochen oder von aufgegeben Unternehmen einfach freigelassen, fanden sie von Frankreich ausgehend in großen Teilen Europas gute Lebensbedingungen in freier Wildbahn vor und haben sich ausgebreitet. Ohne Schwanz bringt es ein Nutria auf mehr als 40 Zentimeter Größe und wird bis zu zehn Kilo schwer. „Es kann ihnen gelingen, Uferbereiche zur Anlage ihrer Wohnhöhlen fast vollständig zu untergraben und zu destabilisieren. Das kann vor allem für den Hochwasserschutz erhebliche Probleme mit sich bringen“, so Jürgen Koch. Gemeinsam mit Ordnungsamtsleiterin Roswitha Krack und Mitarbeiterin Reinhilde Vetter möchte der städtische Umweltberater die Öffentlichkeit für dieses drohende Problem sensibilisieren. Denn noch sei die Population in Gelnhausen überschaubar. „Nutrias unterliegen dem Jagdrecht, haben aber von Februar bis September Schonzeit. Die Bejagung mit Schusswaffen wäre möglich, das geht aber nicht in sogenannten ’befriedeten Bezirken‘, wo sich Menschen aufhalten und wohnen, wie beispielsweise an Kinzigbrücke, Seegrasen und Bleiche“, gibt Koch zu bedenken. Fallenfang sei ebenfalls möglich, allerdings müssten die Tiere dann gemäß Jagdgesetz in der Falle vor Ort mit der Schusswaffe getötet werden. Bei drohenden Gefahren für Menschen und Sachen, beispielsweise der Beeinträchtigung von Hochwasserschutzdeichen, können Ausnahmegenehmigungen zur Bejagung der Nage- und Wildtiere beantragt werden. Ein wichtiger Schritt, eine unkontrollierte Vermehrung der Nutrias zu verhindern, besteht darin, die natürliche Nahrungsgrundlage nicht durch zusätzliche – wenn auch gut gemeinte – Zufütterung noch zu vergrößern und dadurch ein weiteres Anwachsen der Population zu begünstigen.  „Wir appellieren deshalb rechtzeitig an die Vernunft der Passanten, die Tiere nicht zu füttern“, so Roswitha Krack. Zumal die zutraulicher werdenden Nutrias - einmal angefüttert -  den Nachschub an Futter auch vehement einfordern könnten, was vor allem für Kinder angesichts der imposanten Nagezähne keine angenehme Begegnung sein dürfte. Auch eine Übertragung von Parasiten wie beispielsweise Bandwürmern sei bei Berührung der Tiere nicht ausgeschlossen. Als problematisch sieht Reinhilde Vetter die Fütterung der Nutrias mit Blick auf „Mitesser“ wie Enten, Nilgänse, Tauben und vor allem auch Ratten an. Letztere würden regelmäßig für viel Geld von der Stadt und von Grundstückseigentümern bekämpft. Von der Ausbreitung der invasiven Nutrias entlang der Nidda kann Bad Vilbel bereits ein vielstrophiges Klagelied singen: Dort werden die Tiere täglich ausgiebig im Kurpark gefüttert und sehen so keinen Grund, weiterzuziehen. Ihre Population ist massiv angestiegen und die Uferbereiche sind schon so stark durchlöchert, dass historische Bauten bedroht sind. Soweit soll es in Gelnhausen nicht kommen. Ordnungsbehörde und Umweltamt setzen in einem ersten Schritt auf die Vernunft der Gelnhäuser Bürgerinnen und Bürger, die Fütterung einzustellen, um von weiteren Maßnahmen zur Bestandsregulierung absehen zu können.


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