Grimmelshausen-Preisträger las im Museum

„Was für eine großartige Auszeichnung“: Mit diesen Worten leitete der diesjährige Grimmelshausen-Preisträger Christoph Hein seine Rede vor großem Publikum in der literarischen Partnerstadt Gelnhausens, in Renchen, ein. Er tauchte ein in die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und der beiden Weltkriege und beleuchtete deren Gesichter. Sein von der Jury ausgezeichneter Roman „Glückskind mit Vater“ ist kein Kriegs-, aber ein Nachkriegsroman. „Die Folgen der Kriege bleiben, bleiben lange, bleiben für immer“, so Hein. Der Autor reiste nach der Preisverleihung in Renchen auch nach Gelnhausen und las dort im Rahmen der Reihe „Literatur im Museum“ in der Grimmelshausen-Welt aus seinem Werk.

 

Der Grimmelshausen-Preis  wird alle zwei Jahre von der Stadt Renchen und der Stadt Gelnhausen gemeinsam vergeben, und zwar für herausragende zeitgeschichtliche Romane. Der Preis selbst, der mit 10000 Euro dotiert ist, wird einmal in Grimmelshausens Geburtsstadt Gelnhausen und einmal in Renchen, wo er wirkte und verstarb, verliehen. 2017 ging der Preis in Renchen an den Berliner Autor Christoph Hein, der in „Glückskind mit Vater“ ironisch-humoristisch, anrührend, ohne Sentimentalität oder Sarkasmus ein beispiellos-beispielhaftes Leben in mehr als sechzig Jahren deutscher Zustände erzählt.

Renchens Bürgermeister Bernd Siefermann legte seine Rede bei der Preisverleihung als Zwiegespräch mit Grimmelshausen an, der „leibhaftig“ auf der Bühne erschienen war. Zunächst gratulierte Siefermann  der 23-jährigen Sophie Passmann, die in diesem Jahr den mit 2500 Euro dotierten Grimmelshausen-Förderpreis für ihr Werk „Monologe angehender Psychopathen“ erhielt. Ihre Texte erzählen von Liebeskummer, von Reisen ans Ende der Welt und Nächten an klebrigen Kneipentresen. Sie lacht, schreit, suhlt sich in Selbstmitleid und Pathos. Seit 2009 steht sie in ganz Deutschland auf großen und kleinen Slam-Bühnen und hat bereits 2014 ihre „Monologe“ veröffentlicht.

Die Laudatio auf Sophie Passmann hielt Dr. Beate Laudenberg, Privatdozentin an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Sie ist zugleich neues Mitglied der Grimmelshausen-Preisjury.

Stifter des Grimmelshausen-Preises sind die Städte Gelnhausen und Renchen sowie die Länder Hessen und Baden-Württemberg. Als Landesvertreterin von Baden-Württemberg beschrieb Ministerialdirigentin Dr. Claudia Rose vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst den „abenteuerlichen Simplicissimus“ als frühen Entwicklungsroman mit einem selbstreflexiven Helden im Mittelpunkt, der durch ganz Europa zieht, in einer vom Dreißigjährigen Krieg bestimmten Zeit. „Thematisch zeigt der Roman ‚Glückskind mit Vater‘, für den Christoph Hein heute ausgezeichnet wird, durchaus Parallelen zu Grimmelshausen, mit einem 1945 geborenen Protagonisten, der seinen Weg sucht und zwischen schmerzhaften und beglückenden Erfahrungen seine Bestimmung findet.“ Sie lobte Heins bemerkenswerten Beitrag zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte – nicht zuletzt einem wesentlichen Kriterium für die Vergabe des Grimmelshausen-Preises. Die Laudatio auf den Preisträger hielt der Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Professor Martin Lüdke. Für musikalische Unterhaltung bei der Preisverleihung in Renchen sorgte das Jazzquartett „Gin Fizz“. Am nächsten Morgen ging es für den Preisträger mit einer Lesung vor Schülern in Renchen weiter, bevor er mit seiner Frau den Zug Richtung Gelnhausen bestieg. Im besonderen Ambiente der Grimmelshausen-Welt im Museum in der Augustaschule las der Autor dann vor 50 Gästen aus seinem Werk „Glückskind mit Vater“. Die Lesung im Rahmen der städtischen Reihe „Literatur im Museum“, die von der Gelnhäuser Neuen Zeitung und der Kulturstiftung Gelnhausen unterstützt wurde, war binnen kürzester Zeit ausverkauft. Groß war das Interesse, den Autor hautnah zu erleben und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Erster Stadtrat Dieter Ullrich, Museumsleiterin Simone Grünewald und Bettina Mähler, die die Reihe mit ins Leben gerufen hat, begrüßten den Schriftsteller, der sich seinem erwartungsvollen Publikum nahbar und sympathisch präsentierte. Christoph Hein versteht sich als Chronist, der mit großer Genauigkeit aufzeichnet, was er gesehen hat. Er erzählt Geschichte am Beispiel individueller Biografien und stellt seine Protagonisten dabei nicht an den Rand, sondern mitten ins Leben. Seine Werke handeln von Anpassung, Verdrängung, Selbstbetrug, Denunziation, von menschlichen Schwächen.  Am Ende seines Romans „Glückskind mit Vater“ erkennt der Protagonist, dass eine Emanzipation von der allgemeinen und der persönlichen Geschichte zum Scheitern verurteilt ist. Und so nahmen die Gäste der Lesung reichlich Diskussionsstoff – auch für die Selbstreflexion  - mit nach Hause.  


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