Archiv

Gelnhausens Beitrag zum Zukunftswald

Als Ende Juni letzten Jahres die Esskastanien am Bergrücken zu blühen begannen, startete das Stadtarchiv einen Unterstützungsaufruf an Fotografen in der Region. Bereits seit einigen Jahren geplant, sollte endlich die auf den Gelnhäuser Apotheker und Naturwissenschaftler J.H. Cassebeer zurückgehende Anpflanzung der Edelkastanien und deren Ausbreitung am Hang oberhalb Gelnhausens fotografisch festgehalten werden. Die nur wenige Wochen andauernde Blütezeit ist hierfür die optimale Zeit, denn der die Bäume umgebende Stadtwald ist bereits in sein sommerliches Grün gekleidet. Hell-gelbgrün leuchten dann die Blüten der Edelkastanien, deren Verteilung markant ins Auge sticht. Das Team war schnell gefunden. Vom Boden aus fotografierte Roland Adrian (Gründau-Lieblos), Sebastian Wustmann (Hailer) ließ in zahlreichen Stunden seine Drohne über dem Areal fliegen. Das seit Jahren bewährte Team Axel Häsler (Langenselbold) an der Kamera und Gerd Lehnert am Steuerknüppel einer Piper PA-18 des Gelnhäuser Aero-Clubs, konnten mit Unterstützung durch Pia Horst als Spenderin des Kerosins, die Luftaufnahmen beisteuern. „Klasse, was da durch ehrenamtliches Engagement in kürzester Zeit an wertvollem Bildmaterial entstanden ist“, so Vinnen.

Zukunftsbäume aus dem Gelnhäuser Stadtwald?

Persönliche Kontakte zur Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt Abteilung Waldgenressourcen mit Sitz in Hann. Münden eröffneten nahezu gleichzeitig einen neuen Blick auf weitere Potentiale des vorhandenen Baumbestands. Ein seit 2020 bestehender Länderauftrag für Niedersachsen und Hessen sieht vor, in Hann. Münden eine Edelkastaniensamenplantage aufzubauen, da die Edelkastanie als einer der Zukunftsbäume im Klimawandel gehandelt wird. Hierfür müssen sogenannte „Superbäume“ ausfindig gemacht werden, deren Nachkommen möglicherweise den Herausforderungen des Klimawandels trotzen und Bausteine des zukünftigen klimadynamischen Waldes sein könnten. Das Stadtarchiv lieferte historische Fakten, Wustmann eine Panoramakarte, anhand der potentielle Bäume ausfindig gemacht werden können.

Bereits Anfang September letzten Jahres trafen sich Revierförster Lukas Rippl, Oliver Hott und Matthias Moos von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt zu einer ersten Sichtung der Bestände auf der Heinrichshöhe. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass einige der Bäume der vor etwa 200 Jahren als Anbauversuch gepflanzten Gelnhäuser Edelkastanien und deren Nachkommen in das Forschungsprojekt mit aufgenommen wurden. Inwiefern diese dann in einigen Jahren zum Zukunftswald beitragen werden, entscheiden Genproben, die im Laufe des März entnommen werden. Erst wenn sie sich als geeignet erweisen, sollen von den ausgewählten Bäumen Pfropfreiser geschnitten werden und auf die in diesem Jahr gepflanzten Unterlagen veredelt werden.

Exkurs

Die Gelnhäuser Edelkastanien gehen auf einen Anbauversuch von vor 200 Jahren zurück. Es war die Zeit, in der durch die Verbesserung von Anbaumethoden der Landwirtschaft ein Schub verpasst werden sollte. 1825 war die Gegend um Gelnhausen als “Region der zahmen Kastanie“ (Edelkastanie) eingestuft worden. Der in Gelnhausen geborene Naturforscher J.H. Cassebeer griff dies auf und ließ eine beträchtliche Anzahl zahmer Kastanienbäume u.a. an der Grenze seines Weinbergs auf der heutigen Heinrichshöhe anpflanzen. Ein Artikel Cassebeers aus dem Jahr 1825 in der Landwirthschaftlichen Zeitung für Kurhessen widmet sich dem „Anbau der Kastanie (Fagus Castanea L.) auf den öden Stellen der Gelnhäuser Berge.“

Bilder: oben: Kastanienbäume mit Früchten (Roland Adrian); unten: Blühende Kastanienbäume (Sebastian Wustmann); Luftaufnahme Kastanienbäume (Axel Häsler).

Gelb blühende Kastanienbäume von einer Drohne im nahen Überflug aufgenommen.
Luftaufnahme von Kastanienbäumen im Gelnhäuser Stadtwald.