Stadtarchiv

Casseebeer 2.0

Ausgangspunkt war ein Forschungsprojekt des Stadtarchivs zu den vom Gelnhäuser Apotheker und Naturforscher Johann Heinrich Cassebeer vor 200 Jahren gepflanzten Edelkastanien. Damals als Impuls für die Ernährungsergänzung der ärmeren Bevölkerung gedacht, ließ Cassebeer 1825 eine beträchtliche Anzahl Edelkastanienbäume unter anderem an der Grenze seines Weinbergs auf der heutigen Heinrichshöhe anpflanzen. Der von ihm gestartete Impuls wurde jedoch nicht - wie von ihm erhofft - von der Bevölkerung aufgegriffen. Die Edelkastanien blieben und vermehrten sich. „Und stellen heute, im Verbund mit Edelkastanien an weiteren Standorten in Hessen und Niedersachsen, die Genressource für die Forschung zum Zukunftswald dar“, so Anette Vinnen.

Im Jahr 2021 wurden in Hessen 125 Plus- oder Zukunftsbäume ausgewählt, von denen fünf aus dem Gelnhäuser Stadtwald stammen. Neben den Edelkastanien hat sich auch ein Weißtannenbestand im nördlichen Teil des Gelnhäuser Stadtwalds als geeignet herausgestellt. Anfang Februar rückte ein Team der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt im Stadtwald ein und schnitt von den ausgewählten Bäumen je 20 Pfropfreiser. Im März wurden die Edelreiser auf einjährige Edelkastaniensämlinge aufgepfropft.

Aktuell stehen die veredelten Bäume in kleinen Containern geschützt in einem Gewächshaus und werden im Spätsommer ins Freiland gestellt. Wenn alles gut läuft, werden sie im Frühling 2023 auf drei Samenplantagen in Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ausgepflanzt.

Für Stadtarchivarin Anette Vinnen ist dieses Projekt ein gelungenes Zusammenspiel von Geschichtsforschung und Zukunftsforschung. „Immer wieder erleben wir, dass vermeintlich in Stein gemeißelte Ansichten revidiert oder modifiziert werden müssen. Dies bedeutet dann auch eine Umbewertung des Bekannten. Und entfaltet, wie im Fall der Gelnhäuser Edelkastanien eine transformative Dynamik. Denn die aus Sämlingen gewachsenen starken Bäume des damaligen Anbauversuchs, können ein wichtiger Baustein des Waldumbaus von morgen werden und so die Lebensumstände zukünftiger Generationen verbessern.“